Embodiment(Text angelehnt an Tschacher & Storch (2012). Die Bedeutung von Embodiment für Psychologie und Psychotherapie. Psychotherapie in Psychiatrie, Psychosomatischer Medizin und Klinischer Psychologie, 17, 259-267)

16.11.2016/Tsch


Embodiment ist ein Begriff, der sich in der deutschen und internationalen Wissenschaftssprache einzubürgern beginnt. Er bezeichnet kein einheitliches Konstrukt, sondern eher eine wissenschaftliche Einstellung. Embodiment ist in verschiedenen wissenschaftlichen Ansätzen in unterschiedlicher Ausprägung vertreten, die von minimalem bis zu radikalem Embodiment reichen (Gallagher, 2011). Grundlegend fordert die Embodimentperspektive, psychische Prozesse ausdrücklich mit Bezug auf den Körper zu sehen und zu untersuchen. Man geht davon aus, dass psychische Prozesse immer im Körper eingebettet sind (Storch et al., 2010).

Das klingt trivial, ist es aber nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass es eine starke Tradition in der klinischen Psychologie gibt, die "kognitivistisch" vorgeht, in der die Körperlichkeit weder des Patienten noch des Therapeuten gewürdigt wird. Kognitivistische Grundhaltungen finden sich etwa in der kognitiven Verhaltenstherapie, wenn sie sich auf "Denkfehler" und kognitive Verzerrungen beschränkt (die dann etwa durch kognitive Umstrukturierung behandelt werden). Auch dynamische Psychotherapie wird oft kognitivistisch verstanden, wenn sie sich vor allem auf die intellektuelle Einsicht in gewesene Konflikte bezieht. In der Kognitionswissenschaft existiert weiterhin die kognitivistische Prämisse, intelligente mentale Prozesse könnten durch rein formale Prozesse hinreichend modelliert werden: die "klassische" künstliche Intelligenz basiert eben hierauf.

Die Ablösung einer solchen "Computermetapher des Geistes" als Leitmotiv der Kognitionsforschung und Psychologie ist seit einigen Jahren beobachtbar. Embodiment in seinen verschiedenen Ausprägungen hat Konjunktur. In der psychotherapienahen Öffentlichkeit verzeichnet man eine Massenbewegung von Yoga, Tai-Chi, Feldenkrais und anderen körperbezogenen Praktiken. In der akademischen Psychotherapie integriert die aktuelle, "dritte Welle" der Verhaltenstherapie auf breiter Front Achtsamkeitspraktiken, wobei Achtsamkeit sich wiederum ausdrücklich auf das bewusste leibliche Erleben im Hier-und-Jetzt bezieht. Die moderne Philosophie beruft sich vermehrt auf den Leibbezug, der in der Phänomenologie Husserls und Merleau-Pontys angelegt ist. Man spricht von einem "corporeal turn", der die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften erfasst habe (Alloa et al., 2012). Und die Computerwissenschaft selbst begann bereits vor gut 20 Jahren damit, von der Computermetapher des Geistes abzurücken: Die Suche nach der reinen Intelligenz in formalen Algorithmen ist inzwischen weitgehend einem Interesse an der Robotik gewichen (Pfeifer & Scheier, 1999). Dies alles sind aktuelle Entwicklungen, die darauf hindeuten, dass sich in verschiedenen Feldern ein Wandel hin zur Berücksichtigung des Embodiment vollzieht.

Embodiment betrifft bei genauerer Betrachtung ein Grundlagenproblem sowohl der Philosophie als auch der Psychologie: das sogenannte Leib-Seele-Problem. Die Frage, wie man den Zusammenhang zwischen "Leib" (also Körper, Materie, Gehirn) und "Seele" (also Kognition, Psyche, Denken) fassen soll, ist eine fundamentale Frage, die sich durch die gesamte Geschichte der Philosophie zieht. Auch in der zeitgenössischen Debatte der Philosophie des Geistes, die stark durch psychologische und neurowissenschaftliche Forschung inspiriert ist, spielt diese Frage die zentrale Rolle (Beckermann, 2001).

Ein mögliches Missverständnis: wenn man von "Embodiment" spricht, impliziert dies durchaus nicht die Behauptung, dass alle psychischen Vorgänge letztlich materielle (körperliche oder neuronale) Vorgänge seien, oder gar dass Psychologie durch Neurobiologie zu ersetzen sei. Man kann die Frage, wie die Psyche durch den Körper beeinflusst wird, nicht damit beantworten, Psyche sei nichts anderes als eben Körper. Nur unter der Voraussetzung zweier unterscheidbarer Kategorien Psyche und Körper macht es nach unserer Auffassung überhaupt Sinn, sich mit Embodiment auseinander zu setzen. Diese Position stimmt mit der der philosophischen Phänomenologie überein, die den Menschen unter dem Doppelaspekt von Leib und Körper sieht (Fuchs, 2008). Mit Leib ist der erlebte und gelebte (eigene) Körper gemeint, in Unterscheidung zum physischen Körper, der das Objekt naturwissenschaftlicher Untersuchung sein kann. Dieser Doppelaspekt ist durchaus nicht so zu verstehen, dass der Geist und das Selbst, im Leib verkörpert, auf neurobiologische Prozesse reduziert werden könnten und selbst nur virtuellen Charakter hätten ("Being No One": Metzinger, 2003).

________________________________________

Alloa E, Bedorf T, Grüny C, Klass TN (2012). Leiblichkeit: Geschichte und Aktualität eines Konzepts. Tübingen: Mohr Siebeck.

Beckermann A (2001). Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. Berlin: de Gruyter.

Fuchs T (2008). Das Gehirn - ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. Stuttgart: Kohlhammer.

Gallagher S (2011). Interpretations of embodied cognition. In W Tschacher, C Bergomi (Eds.), The implications of embodiment: Cognition and communication. (pp. 59-71). Exeter: Imprint Academic.

Metzinger T (2003). Being no one: The self-model theory of subjectivity. Cambridge: MIT Press.

Pfeifer R, Scheier C (1999). Understanding intelligence. Cambridge: MIT Press.

Storch M, Cantieni B, Hüther G, Tschacher W (2010, 2. Aufl.). Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. Bern: Huber.

________________________________________



Zurück zu Startseite